Briefe an Mama





Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf.
Ich bin nicht tot,
Ich tausche nur die Räume.
Ich lebe in Euch
und geh in Eure Träume
Da uns, die wir vereint
Verwandlung traf.
Ihr glaubt mich tot,
Doch dass die Welt ich tröste
Leb ich mit tausend Seelen dort
An einem wunderbaren Ort
Im Herz der Lieben.
Nein, ich ging nicht fort,
Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste.

(nach Michelangelo)

Und immer sind da die Spuren deines Lebens,
Gedanken und Augenblicke,
Sie erinnern uns an dich,
machen uns glücklich,
machen uns traurig
und lassen uns dich nicht vergessen.
Der Tod ist das Tor zum Licht
am Ende eines mühsam gewordenen Weges.
Das Ende eines Weges ist der Anfang eines andern


Hallo Mama!                                                                               10.03.08

Ich bin so traurig. Es tut einfach nur weh. In den ersten Wochen war ich stark - für die anderen. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr spüre ich meinen Schmerz. Du bist gegangen und kommst nicht wieder. Oft denke ich bei dem was ich gerade tue, erlebe oder vorhabe "Mal sehen, was Mama später dazu sagt". Im nächsten Moment das "Erwachen" - ich kann Dich ja nicht mehr anrufen. In meinem Kopf fange ich dann an, mit Dir zu reden. Zwischendurch habe ich das Gefühl, ich drehe durch - so tief ist meine Trauer um Dich. Am liebsten möchte ich nur noch weinen - tagsüber kann ich die Tränen zurückhalten. Nachts strömen sie aus mir heraus.
Oft spüre ich Deine Nähe - auf unerklärliche Weise. Ich weiß, Du bist im Raum. Hörst mir zu. Ich erzähle Dir von meinen Gedanken, meinen Sorgen, meinen Gefühlen und Erlebnissen. Ich hoffe auf ein Zeichen von Dir. Doch immer bleibt es still um mich herum. Du ahnst nicht, wie sehr ich Deine vertraute liebe und warme Stimme vermisse. Manchmal habe ich Angst, sie zu vergessen. Auch wenn ich gleichzeitig weiß, dass das niemals passieren wird.
Detlef gibt mir Halt und ist immer für mich da. Aber den Weg durch meine Trauer muss ich allein gehen. Es ist jedes Mal ein schönes Gefühl, wenn ich von Dir träume. Dann kann ich Dich umarmen - wenn auch nur in einer anderen Welt. Aber Du bist ja nunmal in einer anderen Welt. Das versuche ich Tag für Tag zu begreifen. Es ist so ungerecht.
So lange hast Du gekämpft und den Krebs schon einmal besiegt. Ich war auf diese Diagnose nicht gefasst. An dem Tag, als der Anruf kam, bin ich vollkommen zusammengebrochen."Ich bin noch nicht bereit, Mama gehen zu lassen", habe ich mich immer wieder wimmern hören. Tränen, Tränen, Tränen - Detlef war ebenso geschockt. Wochenlang war ich wie gelähmt - am Telefon habe ich mir nichts anmerken lassen. Ich hatte solche Angst, Dich zu verlieren. Dich - meine beste Freundin. Denn das warst Du für mich, Mama.
Diese Angst hat mir innerlich das Herz zerrissen. Am liebsten wäre ich direkt nach Papenburg zu Dir gefahren. Aber ich musste warten - Tag für Tag - Stunde für Stunde - bis wir uns auf den Weg machen konnten. In den drei Wochen vor, während und nach Weihnachten habe ich jede Sekunde mit Dir genossen. Obwohl es schlimm war, zu sehen, wie Du immer dünner geworden bist. Deine sonst so strammen Beinchen und starken Arme waren nur noch Haut und Knochen.
Und Du hast so gekämpft und warst bemüht, Dir Deine Angst nicht anmerken zu lassen. Aber ich habe sie gespürt. Ich habe aber auch gemerkt, wie wichtig Detlef und meine Anwesenheit für Dich war - unser gemeinsames Frühstück, unsere gemeinsamen Spielchen, unsere gemeinsamen Abende mit dem obligatorischen Glas Sekt ;-) und unsere Gespräche. Du warst so tapfer, hast noch fast alles selbst machen können und Deinen "Rolls Royce" mit Humor genommen. Ich sehe Dich in Gedanken immer noch Rallye fahren und muss schmunzeln.
Mama, ich vermisse Dich. Dein liebes Gesicht, Deine strahlenden rehbraunen Augen. Auf meinem Desktop habe ich ein schönes Bild von Dir installiert. Wenn ich meinen PC hochfahre, lächelst Du mir entgegen und das tut jedesmal gut. Es gibt mir ein warmes Gefühl ... Ich habe Dich soooooo lieb, Mama!
Wenn ihr mögt, könnt ihr Mama schreiben. Teilt ihr Eure Gedanken und Wünsche mit. Ich bin mir sicher, sie freut sich über Eure Zeilen. Sendet sie mir einfach per E-Mail zu. Ich füge Eure Briefe und Gedichte gerne hier ein.
                                Hallo Mama!                16.10.2008

Heute Nacht habe ich einen ebenso schönen wie merkwürdigen Traum gehabt ... Ich war auf dem Weg zu Deiner Beerdigung. Als ich anhielt, lagst Du plötzlich neben mir im Auto. Du hattest einen Verband um den Kopf und meintest, er würde Dir weh tun. Ich ignorierte es und sagte Dir: "Ich habe Dich so lieb, Mama." Du hast geantwortet: "Ich hab Dich auch lieb, mein Schatz." Ich hatte Angst, es Dir nicht mehr sagen zu können. Dann meinstest Du: "Dies wird schon meine fünfte Beerdigung ... ja, mein Schatz, ich habe seit meiner ersten Beerdigung schon fünf Mal wieder gelebt." Ich schaute Dich ganz ungläubig an - und mir fiel auf, dass Du pötzlich wieder ganz jung aussiehst ... ich bekam ein wohlig warmes Gefühl ... es kam ein "Szenenwechsel" ... ich war inmitten der anderen auf Deiner Beerdigung ... aus dem Nichts tauchte Oma auf, Deine Mutti ... meine Erinnerungen an sie sind, dass sie wegen ihrer Alzheimer-Krankheit meinen Bruder und mich bei unseren Besuchen in Horneburg als Enkelkinder kaum erkannt hat ... uns alle 5 Minuten gefragt hat: "Wer seid ihr denn?" ... in meinem Traum kam sie auf mich zu ... ich merkte, dass es ihr nicht gut ging ... ihr wurde schummerig und ich fing sie auf ... Omi "fremdelte" kurz ... dann vertraute sie mir .... ich rief um Hilfe ... aber die anderen reagierten erst gar nicht .... "Omi braucht Hilfe", habe ich immer wieder wiederholt ... ich merkte, sie kann Deinen Tod nicht verstehen ... will es nicht wahrhaben ... es raubte ihr ihre Kräfte ... und ich beruhigte sie: "Mama hat mir gesagt, sie wird immer wieder kommen und für kurze Zeit bei uns sein ....." - mit diesem Gefühl bin ich aufgewacht und versuche, es mir zu bewahren ....

Mama, es war so schön, Dich zu berühren ... am liebsten würde ich weiter schlafen ...

und von Dir träumen ......